Mongolian Ping Pong
Der mongolische Junge Bilike
findet eines Tages in der mongolischen Steppe einen Tischtennisball, ein Objekt,
das er noch nie zuvor gesehen hat. Zusammen mit seinen Freunden macht er sich
auf die Suche nach der Herkunft
und der Funktion des Balles. Seine Großmutter erzählt ihm von einer mystischen
Leuchtperle, später hört er im Fernsehen,
dass es sich um einen Tischtennisball handelt, den „Nationalball“. Um den
Ball der Nation zurückzugeben, macht er
sich mit seinen zwei Freunden auf den Weg nach Peking, schafft es jedoch nur bis
zur Steppe am Rand der Wüste Gobi, v
on wo er von der Polizei gefunden und nach Hause gebracht wird. Der Ball bietet
aber auch Konfliktstoff für die Freundschaft
der mongolischen Kinder, denn jeder möchte den Ball für sich haben. Schließlich
finden die Väter eine Lösung und zerschneiden
den Ball - in der Steppe wird alles brüderlich geteilt. Am Schluss sieht man die
Einschulung Bilikes in der Stadt,
in der Sporthalle erkennt er das Geräusch springender Tischtennisbälle, in der
letzten Einstellung sieht Bilike ungläubig
den Sportlern beim Ballspiel zu.
Ein herzlicher Steppenfilm,
so richtig Öl auf die Seele, wie man im Flachland sagt. Und ein Film, der Partei
ergreift
für die, die Spaß dran haben etwas wahrzunehmen, also für die Leute, die im Kino
sitzen, auch Rezipienten genannt.
Einerseits. Und andererseits für alle siebenjährigen Steppenkinder, die etwas
wahrnehmen, was sie noch nicht
wahrgenommen haben, ein kleines weißes Ding etwa, das auf dem stark mäandernden
Fluss treibt und ein Ei sein könnte,
aber ein Ei nicht ist, weil es nicht oval, sondern rund ist. Eine Wunderperle
von outer space, also vom Himmel,
wie Oma weiß? Den Himmel bekommen wir in unendlichen Panoramen zu Gesicht.
Schatten ziehen über das Gras;
die Schafe haben es noch nicht abgeweidet. Wolken im majestätischen Rhythmus.
Ein kompletter Regenbogen mit
zwei Enden, die Kilometer auseinander liegen. Und die Jungs, die durch die zaun-
und grenzenlose Steppe reiten.
Gern auch das gleich schnelle Moped nehmen.
Eben das ist der Scherz an diesem Film, dass sowohl das Eine als auch das Andere
da ist, und an den kleinen
wie auch an den großen Wahrnehmenden ist es, daraus was zu machen. Was also ist
das Geheimnis des runden Etwas?
Es hilft der Fortschritt, wenn auch in Gestalt des schrottreifen Jeep mit der
Aufschrift: Fest- und Freizeit-Aktivitäten.
Ein mobiles Kino in der Jurte. Und das Pingpong des Tischtennisballs in der
Wochenschau. Der Nationalball, ebenbürtig
dem Panda, dem Nationaltier. Die Kinder haben den Nationalschatz! Eine Frage
bitte: Arbeitet die Polizei nicht für die Nation?
Die Polizei kommt als Freund & Helfer ins Spiel, einerseits. Aber überzeugen
kann sie die Kinder nicht, andererseits.
Sie müssen selbst was tun. Der Schatz muss zur Nation! Zu Pferd oder zu Moped
nach Peking? In welche Richtung gleich noch?
Und das Fernsehen? Wie lange kann man denn eine Antenne mit ausgerecktem Arm in
die Höhe halten? Und gibt es
denn nicht mehr wahrzunehmen als grisselndes Bild und Tonfetzen, ein
rätselhaftes Pingpong?
Wer im
Kino sitzt,
fragt sich selbst was. War da in der Jurte nicht eben die neue Nummer der ELLE
zu sehen, aus Paris? Auf dem Titel Kylie Mino--,
schon ist das Bild weg. Und in der Jurte Omas prächtiger Patchworkmantel, drauf
Pfirsiche, Äpfel, Exotisches wohl doch.
Aber steht darunter nicht "peach" und "apple" geschrieben? - Zu entdecken ist
nicht sentimentale Nostalgie, sondern
ironischer Einbruch zivilisatorischer Standards.
"Pingpong" ist
ein Film, der sich mit der Zensur nicht anlegt und der
gleichwohl kritisiert. Kindermund tut Wahrheit kund. Ihre Abenteuertour nach
Peking endet damit, daß man aus den Seen
nicht mehr trinken kann: "Das Wasser ist wirklich vergiftet!" Sie staken durch
Salz und Salzlake zur Straße. Die ist andererseits
frisch asphaltiert. Mit gelbem Mittelstreifen. Ein stolzes Bild, lang gehalten.
Eine Freude für jeden Infrastrukturfetischisten.
Klar kommt so ein Film durch die Zensur. Und ebenso klar ist, dass wir Zuschauer
bei den Kindern sind, die trotz und
wegen der Straße nicht weiterkommen.
"Pingpong" ist Regisseur Ning Haos zweiter Film, eigentlich gedacht als
Filmhochschularbeit zum Thema Nationalball.
Der Film aus der Inneren Mongolei schlug inzwischen Zuschauer der
internationalen Festivals in Bann, so in diesem Jahr
auf der Berlinale. Es ist doch ein großes Ding, im Kino zu sitzen und all seine
Tentakeln
ausfahren zu können. Und zu lachen.
Nicht über die lieben Steppenmenschen. Wohl aber über die Würde und Komik, mit
der das Einerseits und das Andererseits
aufeinanderprallen und umschlingen. Wobei das
Beste ist, dass sich Ning
Hao in einer Miniparabel über das Beides-gelten-lassen,
Ying und Yang, wiederum lustig macht. Denn ist das nicht ein blöder Kompromiss,
wenn der Vater den Streit von zwei
Jungs mit dem Messer schlichtet? Jeder beansprucht den Nationalschatz. Lösung?
Der Ball wird halbiert. Überzeugt? Nö. Aber vom Film.