Von Sunhild Salaschek
Mettingen. „Hamlet“, in einer Fassung für Figurentheater, von und
mit Marc Schnittger, so stand es auf dem Programm. Regie führte Katja
Hensel, die seit 1995 Mitglied der „bremer shakespeare company“ ist.
Das ließ ein hohes Niveau erwarten und so kamen mehr als 50 Besucher zu
der Veranstaltung des Fördervereins Mettinger Schultenhof – und das
trotz des prächtigen Wetters, das eher zum Aufenthalt im Freien einlud.
Diese wundervolle Inszenierung wurde 2003 mit dem Grand Prix des
internationalen Solo-Puppenspieler-Festivals ausgezeichnet. Und so war
es kein Wunder, dass in Mettingen die Freunde des klassischen Theaters
ebenso begeistert waren wie die Liebhaber des Figurentheaters.
Für seine Hamlet-Fassung wirbt Schnittger mit einem Porträt der Puppe,
die den König Claudius von Dänemark, den Gegenspieler Hamlets,
verkörpert. Dabei erscheint in der Pupille des Königs der Kopf von
Schnittger. Mit diesem Kunstgriff symbolisiert der Schauspieler und
Puppenführer einerseits einen gewissen Abstand zu dem 400 Jahre alten
Shakespeare-Stück. Versteht man das Gesicht Schnittgers aber als
Darsteller Hamlets, so wird andererseits deutlich, wie sehr Claudius von
Hamlet Besitz ergreift.
Diese Doppelbödigkeit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn des
Wortes – kennzeichnet die gesamte Inszenierung. Schnittger macht sich
alle Möglichkeiten des Figurentheaters zunutze und kostet jede Feinheit
voll aus, wobei er das Drama ein wenig modifiziert: Auf die Nachricht
vom Tode seines Vaters eilt Hamlet nach Hause. Dort zieht er sich auf
den Dachboden zurück und erschafft sich eine eigene Welt, in der Puppen
die realen Mitmenschen verkörpern.
Dabei öffnet Hamlet immer wieder die Dachluke, durch die er mit der
realen Welt verbunden ist, ohne dass die Zuschauer außer durch markante
Geräusche und ausdrucksstarke Musik Einblick in diese Realität erhalten.
Auch Hamlets Verbindung mit der Außenwelt nimmt stetig ab. Die
imaginierten Gestalten werden zum Sinnbild für kühle Berechnung und
Hass, Wut und Schmerz, Vertrauen, Liebe und Wahnsinn. Schnittger setzt
sich mit diesen in jahrelanger Arbeit von ihm bis ins Detail
ausgefeilten Puppen wie mit gleichwertigen charakterstarken Partnern
ausein-ander. Folgerichtig „zerstört“ er sie am Schluss des Stückes. Die
Tragödie endet damit, dass die Emotionen, die das eigenständige Leben
der Puppen ausmachten, vollständig von Hamlet Besitz ergreifen und damit
auch ihn zerstören.
Neben der beachtlichen Dramatik und bewundernswerten Visualisierung
innerer Vorgänge war auch Raum für Wortspielereien mit den gängigsten
Zitaten, zum Beispiel „Klein oder nicht klein, das ist die Frage“.
Beherrschend blieb aber die poetisch hinreißend verbrämte Mahnung: Etwas
ist faul im Staate – nicht nur in Dänemark.
Einziger Wermuttropfen: Auf den „besten Plätzen“ blendeten die
Scheinwerfer häufig ganz beträchtlich. Die meisten Besucher wurden aber
durch die ansonsten hervorragende, lebendige Lichtführung nicht
beeinträchtigt, und sie bejubelten den phantastischen Abend.