Aus der IVZ vom 28.02.2011 (Dietlind Ellerich)

„Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ des französischen Autors Eric-Emmanuel Schmitt erzählt die Geschichte des jüdischen Jungen Momo, der mit seinem Vater ein ziemlich trostloses Dasein in der Pariser Rue Bleue fristet, bis „der schon immer alte“ Kolonialwarenhändler Monsieur Ibrahim in sein Leben tritt. Schon bald verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, die das Leben des Jungen erst lebenswert macht. „Mir war immer kalt, wenn ich mit meinem Vater zusammen war. Mit Monsieur Ibrahim und den Huren war es wärmer, heller“, stellt der Ich-Erzähler im Rückblick fest. Eine Autoreise führt das ungleiche Paar durch Europa bis zum „Goldenen Halbmond“, wo der alte Herr nach einem Unfall - mit sich, der Welt und seinem Koran im Reinen - stirbt.
„Ich sterbe nicht, Momo. Ich gehe nur ein in die Unendlichkeit“ - für Monsieur Ibrahim schließt sich hier der Kreis. Für den Juden Momo hingegen bedeutet die Reise nach Anatolien der Aufbruch in ein neues Leben. Er bekennt sich zum Islam, übernimmt den Laden seines Freundes und Adoptivvaters und lebt wie dieser „als Araber an der Ecke. Araber, das bedeutet in unser Branche: Von acht bis 24 Uhr geöffnet, auch am Sonntag“. Schmitt vermittelt in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ Werte und Lebensweisheiten eher beiläufig und vor allem ohne erhobenen Zeigefinger, mit einer Leichtigkeit, die für sein Werk so typisch ist.
Die tolle Inszenierung des Theaters Waidspeicher ist
gespickt mit jeder Menge kleiner dramaturgischer Höhepunkte, die die Aufführung
zu einem besonderen Erlebnis machen. Grandios ist die Idee, die tanzenden
Derwische mit bunten Kreiseln darzustellen. Die nur akustisch angedeutete
Schafherde sieht der Zuschauer beinahe vor sich, und auch das „Liebe machen“ des
Jungen Momo mit den Huren in der Rue de Paradis braucht nicht mehr als die Hände
und Arme des Schauspielers, der die poetische Geschichte um Verständnis und
Toleranz gegenüber Andersgläubigen und -denkenden brillant spielt.
Tomas Mielentz verkörpert die verschiedenen Rollen überzeugend, wechselt
scheinbar mühelos zwischen den Stimmlagen, spielt das knapp eineinhalb Stunden
dauernde Stück mit einer Intensität, die selbst die kleineren Zuschauer gebannt
auf ihren Stühlen hält.
Toll ist das auch das Bühnenbild. Nur wenige Handgriffe braucht der
Schauspieler, um aus dem Kolonialwarenladen die Wohnung, das nächtliche Paris
oder das lichtdurchflutete Anatolien zu machen.
Mit tosendem Beifall und Bravo-Rufen bedankt sich das Publikum am Ende für ein
außergewöhnliches Kulturerlebnis. Ein großes Kompliment geht auch an das Team
des Fördervereins Mettinger Schultenhof, das das reichhaltige Frühstücksbuffet
vorbereitet und am frühen Sonntagmorgen in der Diele aufgebaut hat.