
Schauspieler Walter Sittler begeistert im Mettinger
Bürgerzentrum mit Erich Kästners Erinnerungen
Sechs Männer und eine Frau betreten eine Art Wartesaal. Die Frau und fünf der
Männer sind Musiker, setzen sich und fangen an zu spielen. Der sechste und
größte, beim Auftritt bescheiden einer unter sieben, hängt seinen Trenchcoat zu
dem Hut an den altertümlichen Garderobenständer und liest in einem Buch. Dann
wendet er sich ans Publikum und beginnt zu sprechen. Zunächst ein Vorwort über
Vorworte.
Die Zuschauer, die am Donnerstagabend ins sehr sehr gut besuchte Bürgerzentrum
gekommen sind, kennen den Mann: Er heißt Walter Sittler und ist ein
erfolgreicher und beliebter Fernsehschauspieler. Doch je mehr er in das Werk
eintaucht, das Thema des Abends ist, Erich Kästners Erinnerungsbuch „Als ich ein
kleiner Junge war“ aus dem Jahr 1957, desto mehr verschwinden Sittlers
Fernsehrollen.
Dafür wird der Schöpfer von „Emil und die Detektive“ oder „Drei Männer im
Schnee“, der Verfasser satirischer Gedichte wie „Kennst Du das Land, wo die
Kanonen blühn?“ und der Autor des „Fabian“ und der „Schule der Diktatoren“
lebendig. Sittler spricht ja nicht über Kästner und liest auch nicht aus seinen
Werken. Er spielt Kästner, so, als ob dieser sich gerade jetzt an Augenblicke,
Gefühle und Erlebnisse seiner Kindheit erinnert. Als Schauspieler malt er die
Szenen ganz unmittelbar, mit knapper Gestik und Mimik und geschliffener Diktion.
Kästner holt weit aus, bis zur Jugend seiner Eltern, den frühen Ehe- und
Berufsjahren von Emil Kästner und Ida geborene Augustin und der Geburt des
einzigen Kindes, Erich. Er schildert „seine“ Straße, die Königsbrücker Straße,
die am Albertplatz beginnt, wo heute in der Villa seines von Kästner und Sittler
drastisch beschriebenen Onkels das Kästnermuseum steht. Er lässt das alte
Dresden, dessen Ruinen er kennt, neu erstehen, sogar mit einem beliebten, aber
einsamen König, dem letzten Sachsenkönig. „Das wusste er damals aber noch
nicht“.
Aber der Kästner von 1957 weiß, wie er immer in die Unmittelbarkeit der
Erinnerung das Wissen von heute einfließen lässt. Der genaue Beobachter Kästner
beobachtet sich ebenso sezierend und oft freundlich-ironisch, wie er seine
Umgebung stets analysiert hat. Er, der einmal Lehrer werden wollte und die
Ausbildung auf der Präparandie fast abgeschlossen hat, ist ein Belehrender
geblieben. Dabei hielt er sich mangels Geduld für ungeeignet, da er Lerner und
kein Lehrer sei.
Wie der Kästner von „heute“ den von damals durchschaut, aber nicht verrät, ist
ein besonderer Reiz der Schilderung. Sittler entwickelt diese Gedanken so, als
ob sie sich eben erst bilden. Das macht er mit solcher Spontaneität, dass selbst
die Musiker schmunzeln müssen, wenn sie gerade Pause haben. Sonst kommentiert
das Sextett mit dem Leiter und Komponisten Libor Sima am Saxofon, mit der
Geigerin Gesa Jenne-Dönneweg, dem Schlagzeuger Meinhard Jenne, Veit Hübner am
Kontrabass, Uwe Zeiser mit Trompete und Flügelhorn sowie Lars Jönsson am
Harmonium die Erzählung.
Beim Zweikampf der Eltern um das schönste Weihnachtsgeschenk für Erich klingt es
weihnachtlich. Militärisches wird zackig verblasen. Wichtig ist aber, dass die
Musik die allzu große Identifikation zwischen Sittler und Kästner bricht. Ganze
Passagen spricht der Schauspieler in die Musik hinein wie der Erzähler in
Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“. Dann wieder beschwören die Musiker in
intelligenten und klangschönen Zwischenspielen die Musikrichtungen der erzählten
Zeit herauf.
Im richtigen Augenblick aber schweigen sie. So wirkt das Kapitel, das Kästners
Verhältnis zur Mutter und vor allem umgekehrt bis zu ihrem Tod schildert,
besonders tief. Barbara Brüning, die als Vorsitzende des Fördervereins Mettinger
Schultenhof den Mitwirkenden Präsente überreichte, hat recht mit der vom reichen
Beifall untermauerten Vermutung, dass manche Zuhörer den Abend nie vergessen
werden.