Musikalische
Lesung am 19.11.2010 um 20 Uhr im Kunstspeicher Mettingen
Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn
mit der Schauspielerin Christine Jensen und dem Organisten Andreas
Fabienke
Alle vierzehn Tage sonntags fanden im Hause Mendelssohn Konzerte statt,
die "Sonntagsmusiken”. Hier hatte Felix und auch Fanny die Möglichkeit,
neben den
Werken anderer Komponisten, ihre eigenen Kompositionen aufzuführen.
Obwohl die
Geschwister sich an musikalischer Begabung in nichts nachstanden, wurde
Felix schon
zu seinen Lebzeiten außerordentlich berühmt. Das Leben und Werk von
Fanny
Mendelssohn ist jedoch weithin unbekannt. An der Qualität Ihrer Werke
hat es sicher
nicht gelegen. Ihr Verhängnis war, dass ihr damals, als Frau, ein
anderer Weg zugewiesen wurde. So hat der Vater seiner Tochter die
Grenzen unmissverständlich aufgezeigt: "Die Musik wird für ihn
vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals
Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll, ... beharre in
dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, und nur das
Weibliche zieret die Frauen." Christine Jensen liest aus Briefen, Tagebüchern und Berichten und lässt
so das Leben der Geschwister lebendig werden. Andreas Fabienke spielt
Werke von Fanny und Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Hier ein Auszug aus dem Zeitungsbericht in der IVZ von Sunhild
Salascheck:
Künstler versetzen Publikum in einen
Schwebezustand
Fanny Mendelssohn selbst hätte nicht überzeugender auftreten können
als Christine Jensen. Unter dem Titel "Sonntagsmusiken im Hause
Mendelssohn" gastierten am Freitag Christine Jensen und Andreas Fabienke
aus Hamburg im Kunstspeicher. Auf Einladung des Fördervereins Mettinger
Schultenhof gestalteten die Schauspielerin und der Organist eine
hinreißende musikalische Lesung. Dabei gaben sie äußerst feinfühlig
Einblick in die Musik, das Gefühlsleben und die Zeit der komponierenden
Geschwister Felix und Fanny Mendelssohn-Bartholdy. Schon zu Lebzeiten
wurde Felix außerordentlich berühmt, während der Name Fanny Mendelssohn
(verehelichte Hensel) erst in jüngster Zeit in das Bewusstsein von
Musikliebhabern vordringt. Die vier Jahre ältere Schwester war sicher
ebenso begabt wie Felix und schuf viele Werke von heute anerkannter
Qualität, als Frau des frühen 19. Jahrhunderts sollte ihr die Musik aber
"nur Zierde" sein und nicht zum Beruf werden.
Bei allen rollengebunden Einschränkungen dürfte sie eine überaus
glückliche Ehe geführt haben, wie Jensen anhand von Briefen und
Tagebüchern belegte. Nur auf den großen zeitgenössischen Ruhm hat Fanny
Hensel verzichten müssen. Als bedeutende Komponistin ist sie erst in
jüngster Zeit durch gezielte Frauen-Forschung wieder ins Blickfeld
geraten und durch eine Fülle von Publikationen anlässlich ihres 200
Geburtstages. Jensen hat aus den Zahlreichen vor allem in Form von
Briefen und Tagebüchern überlieferten Quellen eine so exzellente Auswahl
getroffen, dass Neulinge und Kenner gleichermaßen vom Vortrag der
Dokumente profitierten.
Noch beeindruckender als die Sachinformation war aber die Atmosphäre,
die die beiden Künstler zu schaffen verstanden. Dabei war die Auswahl
der Kompositionen, die Fabienke auf dem Klavier präsentierte, ebenso
bedeutungsvoll wie die Texte.
Während Jensen die äußeren Gegebenheiten und die Emotionen des
Geschwisterpaares mit Worten und dem entsprechenden Timbre in der Stimme
nachzeichnete, vertiefte Fabienke die jeweiligen Aussagen musikalisch.
So spielte er neben zahlreichen Kompostionen von Felix auch viele kleine
Stücke von Fanny, wie zum Beispiel das "Lento Appassionato" und die "Romance
Galatee", als von Leidenschaft und Romantik die Rede war oder "Abschied
von Rom" als von Fannys Italienreise berichtet wurde. Den beiden
Künstlern gelang es einen Schwebezustand zu schaffen, in dem das
zahlreiche Publikum sich gleichermaßen in die Zeit der Mendelssohn
hineingezogen fühlte, wie es auch der Gegenwart Bewunderung
entgegenbringen konnte.
Krönenden Abschluss des Abends bildete je ein Lied von Felix Mendelssohn
und Fanny Hensel, das Jensen gesanglich darbot und Fabienke einfühlsam
begleitete. So zauberhaft und gleichzeitig authentisch sollten
musikalische Lesungen immer sein.