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METTINGEN
Irritierend, provokant, unbequem - die Bilder, die seit Freitagabend im Kulturspeicher Mettingen hängen, lösen unweigerlich kontroverse Diskussionen aus. Der Betrachter sucht nach einer Deutung und nach Interpretationshilfen. Doch die bekommt er nicht, denn die beiden Künstler Professor Henryk Czesnik aus Danzig und Josef Lange-Grumfeld aus Ankum wollen, dass jeder seine eigenen Schlüsse zieht und das Gesehene selbstständig deutet.
Bernhard Kötter vom Förderverein Schultenhof und Gerd Heinrich Reitzig, der Vorsitzende des Kunstvereins "WIR", Fürstenau, machten in ihrer Einführung zur Ausstellung sogleich deutlich, dass Czesnik und Lange-Grumfeld nicht zu den Künstlern gehören, die als "ausgesprochene Individualisten auf ihr eigenes Copyright bestehen" (Reitzig). So konnte diese außergewöhnliche Ausstellung zu Stande kommen, in der nicht nur zwei Künstler gemeinsam ausstellen, sondern außerdem Arbeiten präsentieren, die sie gemeinsam gemalt und signiert haben.
Czesniks Bilder enthalten mit Farben wechselnde Collageelemente, graffitiähnliche Formen und skizzenhafte Zeichnungen, die eine eingehende Betrachtung verlangen. Ein "gedanklich erweitertes Sehen", so führte Reitzig aus, sei vonnöten, um die analytische Kunst in Czesniks Malerei zu erkennen, die die Existenz des Menschen betrifft und etwas über dessen Einzigartigkeit erzählt. Auch Lange-Grumfelds Arbeiten seien von enormer Unmittelbarkeit und Aussagekraft. Sie, so führte Reitzig aus, zeichnen sich durch eine positive Kunstkonzeption aus, in der das eigene Empfinden und die kritische Analyse lustvoll mit Humor und Groteske verbunden werden. Mit Czesnik und Lange-Grumfeld hätten sich offensichtlich zwei verwandte Seelen gesucht und gefunden. Was Czesnik im Vorwort zu einem Kunstkatalog über die Malerei Lange-Grumfelds gesagt habe, gelte wohl auch für ihn selbst, nämlich dass die charakteristischen Merkmale seiner Kompositionen die "ironische Deformation, ihr untergeordnete Farbzusammenstellungen und die Einführung symbolischer Formen" seien, die "eine freie Interpretation erlauben, obwohl sie für den Künstler immer eindeutig sind". Da sei "die Tragik des Seins, die Verstrickung menschlicher Leidenschaften, ausgedrückt in grotesken Gestalten und andererseits, fast paradox, der Hauptdarsteller, der Mensch, der die Hoffnung auf Wiedergeburt verkündet, auf den Sieg des Guten über das Böse".
Die Exponate beider Künstler dokumentierten zwei unterschiedliche Arbeitsweisen. Die emotionale beflügele ihre Phantasie und Gestaltungskraft, ihre Erfindungsgabe und Spontaneität. Die intellektuelle komme dann hinzu, wobei Details bewusst eingesetzt würden und eine ganz spezifische Bedeutung hätten. Dadurch entstünden Bilder, in denen die Künstler auf gesellschaftliche Ereignisse ihrer Zeit sensibel reagierten, sie zum "inneren Gegenstand machten und in die eigene Subjektivität verlängerten und im Sinne einer produktiven Rezeption verarbeiteten".
Nach den Ausführungen Kötters und Reitzigs, die von der exakt auf die Ausstellung abgestimmten, ein wenig "unbequemen" und zugleich sehr phantasievollen Musik des Duos Ken Pehmüller/ Thorsten Wiggers (Keyboard/Gitarre) umrahmt wurden, ergaben sich alsbald bei Wein und polnischen Piroggen angeregte Diskussionen über den Sinn der Bilder. Deutungsmöglichkeiten gibt es genug, wie man während der gut besuchten Vernissage feststellen konnte. Vor nahezu jedem Bild entstanden kleine Gruppen, die die einzelnen Bildelemente zu verstehen und miteinander in Beziehung zu setzen suchten - oft allerdings ohne eindeutige Ergebnisse. Kreuze auf Köpfen und in Füßen, Beine auf Rädern, Figuren, die oben Frau und unten Mann sind, provozierend dargestellte Sexualität, vieldeutige rote Farbkleckse, groteske Fabelwesen mit drei Beinen usw. lassen scheinbar unendlich viele Reaktionen und Auslegungsvarianten zu - positive wie negative. Doch darüber, welche wohl die richtige ist, muss der Betrachter allein entscheiden. -ml-
Montag, 20. Februar 2006 | Quelle: Ibbenbürener Volkszeitung (Mettingen)