Pressereaktionen

Ibbenbürner Volkszeitung vom 12.07.2004

Große Portion Herz machte das Puppenspiel perfekt

METTINGEN

Gebannt, verzaubert, hingerissen - treffender kann man die Reaktion des Publikums auf die exquisite Darbietung des Puppenspielerehepaars Johanna und Harald Sperlich nicht beschreiben. Mit dem von Hugo von Hofmannsthal zwischen 1903 und 1911 "erneuerten" und weithin bekannten Mysterienspiel "Jedermann" eröffnete das Puppenspieler-Duo im Schultenhof in Mettingen das Figurentheater-Festival 2004.

Dieses Festival, das die Gemeinden Ibbenbüren, Mettingen, Recke, Hörstel und Westerkappeln gemeinsam organisieren, fand seinen Anfang bereits vor zwei Jahren. Damals, so führte Peter Hillenkamp in seiner Begrüßungsansprache im Namen des Fördervereins Mettinger Schultenhof aus, habe man zeigen wollen, dass Figurentheater nicht nur Kindertheater ist. Das sei den Veranstaltern gelungen. Mettingens Bürgermeister Helmut Kellinghaus dankte allen Engagierten, die ein solches Programm wie das Festival über Gemeindegrenzen hinaus möglich machten.

Und dann hatten die Sperlichs mit ihren beeindruckenden Stabpuppen das Sagen. Mancher Besucher hatte anfangs an den Möglichkeiten gezweifelt, Weltliteratur mit Puppen angemessen inszenieren zu können. Doch die überragende schauspielerische Leistung der Sperlichs überzeugte alle Zweifler restlos. Mittels herausragender Beherrschung von Sprache und Intonation und raumgreifendem Spiel fesselten sie ihre Zuschauer und führten vor, wie es jenem ergeht, der wie der geldgierige und machthungrige Jedermann sein Glück nur in Reichtum und Genuss sieht.

Jedermanns Grundsatz: "Da ist kein Ding zu hoch noch fest, das sich mit Geld nicht kaufen lässt." Und so lebt er denn auch. Er häuft Geld an, zeigt weder Mitleid noch Nachsicht, demonstriert seine Macht. Doch eines Tages muss er dem Tod ins bleiche Antlitz sehen und erkennen, dass im Unglück die vermeintlichen Freunde davonrennen und er zuletzt ganz allein ist. Er muss erkennen, dass sein Reichtum ihn, aber er nicht seinen Reichtum beherrscht hat. In seiner Verzweiflung besinnt Jedermann sich auf Werte, die er bis dahin verachtet hat.

Die Spieler vermittelten mit fein modulierenden Stimmen und perfekter Spieltechnik zu jedem Zeitpunkt die Gefühle und Gedanken der einzelnen Figuren, deren Charakter durch die fantastisch geschnitzten und wunderschön ausgestatteten Puppen unterstrichen wurde. Der Gesichtsausdruck der Puppen scheint auf wundersame Weise das ganze Stück hindurch zur Rolle der jeweiligen Figur zu passen. Und die Sperlichs wissen ihre Puppen auf der kleinen Bühne meisterhaft einzusetzen und auf das kleinste Detail achtend das Wesentliche jeder Figur herauszuarbeiten.

Lichteffekte, Musik und teilweise markerschütternde Toneffekte verstärken die Wirkung des Dargestellten. Zu aller Professionalität fügen Johanna und Harald Sperlich noch etwas hinzu, ohne das ihr Spiel den Zuschauer schwerlich so berühren und faszinieren könnte: eine große Portion Herz. Erst damit ergibt sich insgesamt ein perfektes Puppenspiel auf hohem Niveau, dessen Wirkung sich kein Zuschauer entziehen kann. Marianne Laun